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Aufbaustunden

27. Oktober 2025


Da Neubauten in der DDR von den Arbeiter-Wohnungsbau-Genossenschaften (AWG) gebaut wurden, war es notwendig, vor der Zuteilung einer Neubauwohnung Genossenschafts-Anteile zu erwerben. Auf kommunismusgeschichte.de findet man die folgende Aussage:

Die Anzahl der von den Mitgliedern zu übernehmenden Genossenschaftsanteile (je 300 Mark) ist abhängig von der Wohnungsgröße und beträgt z. B. für eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung 1.500 Mark …

Und weiter heißt es:

Die Genossenschaftsanteile sind in nach dem Einkommen gestaffelten monatlichen Raten (mindestens 20 Mark) einzuzahlen; sie können auch als Arbeitsleistungen aufgebracht werden. Jedes Mitglied ist verpflichtet, neben den Genossenschaftsanteilen, die persönliches Eigentum bleiben, außerdem Arbeitsleistungen für die AWG zur Finanzierung des Baues und von Erhaltungsmaßnahmen durchzuführen.

Die AWG-Stunden mussten bis spätestens 18 Monate nach Wohnungsbezug erbracht werden und die geleistete Stunde wurde mit fünf Mark berechnet, wobei die Hälfte in den Fond der Genossenschaft überging. Man arbeitete also de facto für 2,50 Mark in der Stunde.

Liniertes Blatt mit tabellarischen handschriftlichen Eintragungen © Lutz Schiffner

Der Nachweis erfolgte – absolut fälschungssicher! – in kleinen Octavheftchen handschriftlich. Aber es waren ja alle ehrlich, also kein Problem! Es sei allerdings die Frage erlaubt, wie eine Stundenzahl von 36 (!) Stunden am 18.10.80 zustande kam — selbst wenn zwei Personen ackerten. Ein Zeitzeuge erinnert sich: „… zum Glück waren die Bauleiter oft recht großzügig mit der Stundenberechnung …“ Da zeigte sie sich wieder die kreative Umsetzung der sozialistischen Wirtschaft (ich vermeide hier bewusst das Attribut!)

Leider wurde der – ja vielleicht als durchaus sinnvoll einzuschätzende – Ansatz der Selbstbeteiligung in der Praxis oft zur reinen Beschäftigungs-Therapie pervertiert, so auch in unserem Fall, wie die folgende Anekdote zeigen mag.

Ich meine mich zu erinnern, dass es mein erster derartiger Einsatz war: eines Samstagsvormittags im Sommer, die Sonne meinte es gut, trafen wir an einem Fabrikgelände ein, um dort unseren Arbeitseinsatz zu absolvieren. Wir wurden in den hinteren Teil des Geländes geführt, wo sich auf einem nicht allzu breiten Streifen zwischen Gebäude und Zaun ein völlig mit Unkraut überwuchertes Gleis befand. Dieses Unkraut sollte nun (ohne besondere technische Hilfsmittel) entfernt werden, wobei offenbar weder das Gleis noch der schiere Platz genutzt wurden.

Wir arbeiteten also fleißig und schwitzend und konnten auch etwas Ordnung schaffen, allerdings bei weitem nicht den kompletten Streifen vom Unkraut befreien. Es fehlte wohl auch ein wenig an der Motivation wegen des nicht erkennbaren (und auch nicht kommunizierten) Ziels der Aktion. Weiter wurde dort offenbar aber auch nach unserem Einsatz nichts unternommen, denn kurze Zeit später sah das Gelände wieder genau so aus wie vor unserem Eingreifen in die Natur.

Statt dieses unsinnigen Tuns wäre es für die zukünftigen Bewohner des Gebietes sehr viel nutzbringender gewesen, unter Anleitung eines Landschaftsgärtners die Umgebeung der Häuser zu gestalten, denn die sah noch lange erbarmungswürdig aus, wie die folgenden Bilder zeigen. Das wäre wirklich eine Arbeit mit Bezug zum Bau gewesen, die sicher auch von nicht botanisch vorgebildeten Menschen mit Erfolg und vor allem Motivation hätte bewerkstelligt werden können.

Baustellengelände © Mathias Irmscher
Baustellengelände © Mathias Irmscher

Ich bin ein Mensch, der sich nicht zu schade ist für „niedere Arbeiten“, wenn sie denn sinnvoll oder nutzbringend sind. Aber ich habe etwas gegen sinnloses Tun. Deshalb war diese Erfahrung auch der Moment, an dem ich mich verabschiedete und fürderhin nicht mehr zu diesen Veranstaltungen erschien.

Was ich zunächst nicht bedachte, war, dass ich dadurch ja meine benötigten Genossenschaftsanteile nicht erarbeitete, so dass ich nachher über die ins Haus flatternde Rechnung für deren Erwerb in Höhe von um die tausend Mark sehr erstaunt war. Immerhin war das ein Monatsgehalt und das hatte ich wohl nicht so herumliegen. Das sind die Lehren, die das Leben einem sorglosen jungen Menschen erteilt …


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