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Die erste eigene Wohnung

26. Oktober 2025


Neubauwohnungen wurden in der DDR im Rahmen von so genannten Arbeiter-Wohnungsbau-Gemeinschaften (AWG) gebaut und verwaltet. Um in den Genuss des Bezugs einer (Platten-)Neubauwohnung zu gelangen, mussten (normalerweise) Anteile in Form von Aufbaustunden geleistet werden.

Nach zwei Jahren als Jungingenieure in sehr beengten Verhältnissen lebend, war eine eigene Wohnung, sogar mit Bad und eigener Toilette, ein ziemlicher Aufstieg in der Wohnqualität. Aber wir waren ja auch erst Mitte Zwanzig (und hatten auch noch keinen Nationalpreis verliehen bekommen), also noch kein Grund, sich zu beschweren!

Grundriss Einraumwohnung WBS-70

Im WBS-70 (Wohnungs-Bau-System) gibt es verschiedene Wohnungsgrößen, die auf einem Raster von 6×6 Metern basieren. Eine Einraumwohnung (damals vorgesehen für Einzelpersonen und junge Ehepaare mit bis zu einem Kind) hatte also eine Gesamtfläche von 36 m2, der Wohnraum eine solche von 21,24 m2. Wie dem Grundriss zu entnehmen ist, ist der Eingangsbereich eine architektonische Glanzleistung, denn Wohnungs- und Badtür schlugen möglicherweise zusammen, wenn sie gleichzeitig geöffnet wurden. Für eine dort lebende Einzelperson eher kein Problem (es ist ein physikalisches Grundgesetz, dass ein Körper immer nur an einem Ort sein kann!), für ein junges Ehepaar mit Kind … nun, da denke jeder selbst nach. Es gab noch weitere Merkwürdigkeiten, auf die ich später noch zu sprechen komme. In meiner Wohnung war die Nasszelle anders eingerichtet als auf dem Grundriss: Waschbecken und Toilette an der Wand zum Wohnzimmer, Badewanne gegenüber der Tür.

Ein Trabant Kombi von hinten, in den gerade ein Mann und eine Frau einsteigen

Im Herbst 1979 wurde zur „Feinreinigung“ gerufen, denn dass eine Wohnung bezugsfertig übergeben wurde, lag offenbar nicht im Erfüllungshorizont der AWG. Einer von uns verfügte bereits über ein Auto, welches für den Transport von Pieschen nach Kleinzschachwitz in die Rathener Straße genutzt werden konnte.

Sechsstöckige Neubau-Platten-Hochhäuser, davor einige Menschen und Autos

Zusammen mit anderem zukünftigen Bewohnern der neu gebauten Häuser trafen wir auf der Baustelle ein, denn die Häuser standen zwar, aber die Umgebung war – und sollte es noch einige Zeit bleiben! – noch nicht wirklich „benutzungsfertig“. Na gut, das hatte auch niemand erwartet. Ein Bauleiter begrüßte uns und verteilte die Arbeitswilligen auf die vorgesehenen Wohnungen (oder wir hatten einen Zettel, auf dem das ausgewiesen war, ich hab's vergessen). In froher Erwartung ging ich also in meine Wohnung in Nummer 59 und fand im Wohnzimmer rohen und nicht ebenen Estrich vor. Also gleich wieder raus zum Chef und nachgefragt: das könne doch wohl nicht korrekt sein? Doch, doch, da käme noch Spannteppich drauf und dann wäre alles in Ordnung! Und die Unebenheiten? Na, die wären ja dann weg. Hallo? Weg ja wohl nicht, sondern nur abgedeckt, fragte ich nochmal nach. Nein, nein, das würde schon noch glatt gemacht. Hier darf ich schon verraten, dass das glatt (schönes Wortspiel!) gelogen war, denn beim Einzug stellte ich heraus, dass es nicht möglich war, ein Möbelstück frei stehend zu stellen, eben wegen des weichen und unebenen Untergrunds! Der nämlich war eine über einem ca. 2 â€“ 3 cm dicken, weichen Material – was immer das war – gespannte PVC-Folie. Aber reklamieren? Wie denn und bei wem? Also tief durchatmen und sich damit abfinden – für immer würde das ja sicher nicht das Zuhause bleiben …

Die innenliegende Nasszelle ohne Fenster erlaubt nur annähernd, auch eine Waschmaschine dort aufzustellen, wie im ersten Bild der nächsten Serie zu sehen ist (trotz der schon schmalen Bauweise ein Überstand zur Tür hin, unter dem Waschbecken ist die übliche Wäscheschleuder TS 66 [TS = Tischschleuder] zu sehen). Man beachte außerdem: der Wasserhahn für den Waschmaschinenschlauch befindet sich – wie sinnvoll! – am Fußende der Badewanne (übrigens keine Zwei-Meter-Wanne, also eher etwas für so abgebrochene Zwerge wie mich). Natürlich gab es dafür zwei (technische) Gründe: 1. war dort der Versorgungsschacht und 2. musste so bei eventuellen Schäden das Wasser in die Badewanne laufen. Aber: man brauchte entweder einen langen Schlauch, der dann wohl trotzdem immer abgemacht werden musste oder man bewegte die Maschine, wenn gewaschen werden sollte. Naja, alles nicht perfekt, aber man konnte damit leben.
Bei mir gab's im Bad dann als zusätzliche Dauer-Beleuchtung eine violette 40W-Leuchtstofflampe, denn ich wollte dort eine Pflanze haben, die auch tatsächlich gedieh. Der Strompreis in der DDR lag 1979 bei 8 Pfennig pro Kilowattstunde, so dass mich dieser Luxus nur zwei Mark und dreißig Pfennige im Monat kostete.

Im ersten Bild von der kleinen Küche erkennt man, dass zunächst nur ein 60-Liter-Kühlschrank (Kristall 60 aus dem DKK Scharfenstein) vorgesehen war (man erinnere sich der weiter vorn angegebenen Belegungs-Personenzahl), der dann auch unter die Arbeitsplatte gepasst hätte. Für die größeren Modelle musste selbige verkürzt werden, was allerdings zu einer gerade mal 60×60 cm großen Arbeitsfläche führte. Das Fenster – so hoffe ich! – war ursprünglich als Klapp-Dreh-Fenster von den Architekten konzipiert. Als unsere Häuser gebaut wurden gab es aber womöglich gerade einen Engpass dieser Modelle, so dass ganz normale Fenster eingebaut wurden. Musste oder wollte man also (z.B. beim Kochen) das Fenster – vollständig – öffnen, war der Weg aus der Küche versperrt.

Zum Schluss dieser Erinnerungen noch ein Schmankerl von der „Feinreinigung“:
Die in den Hängeschränken liegenden Zwischenböden passten bei mir nicht, sie waren zu schmal, um auf den in den Seitenwänden steckenden Regalbodenträgern zu liegen zu kommen. Ich klemmte mir die Teile also unter den Arm und ging ins Nebenhaus zum Vorarbeiter. Der schaute sich das an, nickte, nahm aus den Hängeschränken in der Wohnung, in der gerade arbeitete, die Zwischenböden heraus und verglich sie mit meinen. Da diese tatsächlich etwas breiter waren, drückte er sie mir in die Hand und legte meine in die Schränke. Meine Bemerkung, dass damit das eigentliche Problem ja nicht gelöst sei, wurde mit den Worten kommentiert, dass ich doch jetzt bessere hätte. Sozialistische Planwirtschaft. Dass diese Bretter auch nicht richtig passten und mittels links und rechts eingeschlagener Nägel zu den Wänden auf Abstand gehalten werden mussten, um nicht zu verrutschen und wieder durchzufallen, sei nur am Rande erwähnt.


Die Fotos für diesem Bericht wurden von Mathias Irmscher zur Verügung gestellt, danke.


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