Jungingenieure in Dresden
23. Oktober 2025
Man schreibt das Jahr 1977, das Studium liegt hinter uns, zusammen mit zwei anderen jungen Diplom-Ingenieuren aus meinem Studiengang werde ich meine erste Arbeitsstelle im Institut für Mikroelektronik Dresden in der Entwurfsabteilung für elektronische Schaltkreise antreten. Ich kenne diesen Betrieb schon von einem Praktikum während des Studiums, damals hieß er noch Arbeitsstelle für Molekularelektronik. Die Luftkriegsschule Klotzsche, in deren umgebauten Gebäuden das Institut „residiert“, befand sich gleich neben dem Flughafen Dresden Klotzsche im Norden der Stadt.
Auf dem Dresdner Stadtplan von 1977 ist das Industriegebiet Flugzeugwerft (der Pfeil kennzeichnet die Einfahrt) nicht so richtig auszumachen – typisch für damalige Kartografie, denn sowohl das Industriegebiet als auch das Flughafengelände sollten natürlich nicht so einfach von „imperialistischen Feinden der DDR“ ausspähbar sein. Und seit damals hat sich sowieso viel verändert, zum Beispiel sieht das Eingangstor inzwischen so aus.
Erste Unterkunft: Ferienzimmer in Langebrück
Da es für Wohnungen in der DDR keinen freien Markt gab, sondern diese durch staatliche Stellen und auf Antrag bei diesen „zugewiesen“ (!) wurden, waren wir im Falle der Arbeitsaufnahme darauf angewiesen, dass wir Wohnraum durch den Arbeitgeber (der sich in diesen Fällen kümmerte) nachgewiesen bekamen. Und das war dann ein – eigentlich als Ferienzimmer gedachtes – Zimmer in einem Einfamilienhaus in Langebrück: Stiehlerstraße 2a. Frau Hauptmann wohnte dort mit ihrem ca. 40-jährigem Sohn und vermietete einige Zimmer. Die Distanz zwischen Arbeitsstelle und „Wohnung“ zu überwinden war – zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln – nicht eben einfach: vom Bahnhof Grenzstraße nach Klotzsche und dort in einen Zug umsteigen, der durch Langebrück fährt. Glücklicher Weise hatte ein (ehemaliger) Kommilitone und dann Kollege ein Motorrad, ein anderer sogar ein Auto, so dass es für mich als lediglich mit einem Fahhrad „gesegnet“ meist aufs Mitfahren hinauslief. Wegen der Abwesenheit von Gleitzeit war das auch kein großes Problem. Man konnte – bei schönem Wetter – auch entlang der Bahnlinie laufen, morgens war das eher keine Option, aber nachmittags habe ich das gelegentlich getan.
Eher schon ein Problem war, dass drei Jungingenieure in einem ca. 20 m2 großen Raum untergebracht waren, dessen Interieur und Einrichtung den Bildern zu entnehmen ist:
Da gab es (im Uhrzeigersinn) einen kleinen Kachelofen, einen (!) Kleiderschrank: für jeden ein kleines Fach für Unterwäsche u.ä., das Fach für hängende Kleidung musste sich geteilt werden. In der Ecke ein Waschbecken (nur ein Kaltwasserhahn) für die Körperpflege, daneben ein kleines Schränkchen, in dem wir meiner Erinnerung nach Lebensmittel aufbewahrten. Dann ein Tisch mit immerhin drei Stühlen, wobei einer nur zwischen Doppel- und Einzelbett Platz hatte, wenn jemand darauf sitzen wollte. Die vielen Fernseher waren nur kurzzeitig während der Fußballweltmeisterschaft im Juni 1978 Teil der Einrichtung (zwei Stück aus Gründen der Ausfall-Vorsorge), in dieser Zeit war es besonders eng. Das Fenster am Tisch zeigte zum Garten, an den sich unmittelbar der erhöhte Bahndamm anschloss, auf dem regelmäßig Schnellzüge von und nach Bischofswerda vorbei donnerten, auch zu Schlafenszeiten (aber man gewöhnt sich auch an so etwas!) Die Lautsprecher-Box (Privatbesitz von Mathias) stand vor dem Einzelbett, dann ein Nachtschrank, das Doppelbett und schließlich der zweite Nachtschrank. Richtig: drei Menschen, drei Betten, aber nur zwei Nachtschränke (für ganz persönliche Dinge). Noch Fragen? Glücklicherweise waren wir auch befreundet, waren zusammen im Urlaub in Bulgarien gewesen, hatten also einen gewissen Vorlauf im Zusammenleben. Nicht auszudenken, wie das mit Leuten gewesen wäre, denen man vielleicht nicht zugeneigt gewesen wäre. Danach wurde nämlich nicht gefragt!
Mein Nachtschrank (ich schlief in dem Bett gleich neben der Tür) diente mir zeitweise als Frühstücksplatz. Ja, und hier verbrachten wir miteinander über ein Jahr — ein Wunder, dass das ohne Prügelei abging, gerumpelt hat es allerdings schon gelegentlich.
Nach etwa einem Jahr sprachen wir beim so genannten Kaderleiter des Betriebes (der eben auch für die Wohnungszuweisung verantwortlich zeichnete) vor, um zu erfahren, wann wir denn mit eigenen Wohnungen rechnen könnten. Eigene Wohnungen? Ob wir Nationalpreisträger seien? „Noch nicht …“, war meine prompte Antwort, die mir einen bitterbösen Blick und die Zurechtweisung, ich möge nicht frech werden, eintrug. Offensichtlich wurde dieses Anliegen als ziemliche Anmaßung empfunden und uns auch unumwunden mitgeteilt, dass damit in naher Zukunft nicht zu rechnen sei. Wenigstens wolle man versuchen, uns in einer Betriebswohnung in Pieschen unterzubringen.
Zweite Unterkunft: Dresden-Pieschen, Alttrachau 48
Im Herbst 1978 wurden wir dann unterkunftsmäßig „befördert“ und konnten in die Betriebswohnung in Pieschen, Alttrachau 48, umziehen.Hier gab es nun etwas mehr Platz und auch etwas mehr Privatsphäre, denn das Zimmer musste nur noch mit einem Kollegen geteilt werden. Und es gab eine gemeinsam zu nutzende Küche! Die Einrichtung der Zimmer war zeitgemäß spartanisch und funktional. Da die Liegen tagsüber als Sitzgelegenheit dienen mussten, war es nötig, das Bettzeug immer in den Schrank zu räumen. Hier wurde also gelebt, gelötet und gebastelt, gelesen, Radio gehört und fern gesehen (die Geräte waren damals schon alt!)
Sonderlich gemütlich war es nicht, aber der Begriff „Work-Life-Balance“ war damals weder erfunden noch im Erkenntnishorizont des sozialistisch sozialisierten Menschen.
Zwei Blicke in die Küche und einer in die Toilette auf halber Treppe. Spruch
an der dortigen Wand:
An diesem Ort erkennst Du scharf, daß Du ein Mensch nur bist,
der nichts behalten darf!
Das Toilettenpapier lag auf einer behandschuhten Hand.
Ein kleines bisschen verrückt waren wir schon – oder eben einfach nur jung!
(Quelle: Topografische Karte Dresden)Zum Thema Medienkonsum muss noch weiter ausgeführt werden. Im Volksmund wurde das in einem Talkessel liegende Dresden als „Tal der Ahnungslosen“ diffamiert, denn hier war kein Empfang von westlichen Sendern möglich (außer man wohnte am Stadtrand, also auf der Anhöhe). Es gab mir bekannte Menschen, die fuhren am Wochenende mit Kofferradio und Cassetten-Recorder bewaffnet auf die Höhen, um dort Musik aus westlichen Sendern für den wöchentlichen Konsum mitzuschneiden. Funkverbindungen über Satelliten waren damals dem Militär und ähnlichen Organisationen vorbehalten und einem Mobiltelefon ähnelnde Geräte gab es nur in Science-Fiction-Filmen, diese wiederum auch eher im Westen.
Nun hatten wir in der pieschner Betriebswohnung drei Vorteile:
- sie lag schon etwas erhöht (ein paar Meter über der Elbe),
- das Fenster zeigte etwa nach Norden und
- wir hatten Elektrotechnik studiert, konnten also eine so genannte Schweizer Antenne aufgrund der gewünschten Empfangsfrequenz berechnen.
Auf welche Frequenz genau wir diese damals optimierten, ist mir entfallen, aber ich erinnere mich noch, dass das aus ein paar Brettern, Alustäben und Kupferdraht zusammengebaute Konstrukt entweder so wie im Bild zu sehen aus dem Fenster gehängt wurde (RIAS Berlin, 85,3 MHz) oder etwas nach links zeigend, wodurch NDR 2 (92,1 MHz) einigermaßen zu empfangen war. Welcher Sender besser „herein kam“, hing von Wetter und Tageszeit ab und war nicht vorhersehbar. Das störte aber nicht weiter: Hauptsache kein DT64 des Berliner Rundfunks und einigermaßen rauschfreier Empfang! Was natürlich nicht so häufig gegeben war, Mitschnitt-Qualität gab's eher selten. Wenn ich mich recht erinnere, versuchte Mathias sogar, den Empfänger zu optimieren.
Was gibt es über diese Zeit noch zu berichten? Der erste Winter dort war geprägt von massiven Problemen (Katastrophenwinter 1978/79): in Dresden wurde wegen Engpässen in der Stromversorgung vielerorts die Straßenbeleuchtung und sowieso „Leuchtwerbung“ abgeschaltet, so dass die Stadt nächtens ziemlich im Dunkel lag. Was aber grotesker Weise nicht ausgeschaltet wurde, war die leuchtende Parole „Der Sozialismus siegt“ auf dem Hochhaus am Pirnaer Platz. Dass die Genossen die Ironie nicht bemerkt haben …
Ich fuhr mit meinem Buddelkastenfreund Peter in diesem Winter mit seines Vaters Wartburg und einem Nagetusch-Wohnanhänger zum Wintercamping in den Harz. Natürlich waren Ferienaufenthalte in dieser schwierigen Zeit verboten, aber der Zeltplatzwart hatte nach unserer langen Reise von Chemnitz aus ein Nachsehen und ließ uns ein. Da wir einen (westlichen) Ölradiator dabei hatten, war das auch eine ausgesprochen gute Woche in der winterlichen Natur.
Aber ich schweife ab … Natürlich wurden in Pieschen auch Parties gefeiert, es wurde getanzt und zarte Bande geknüpft. Die Einladung zweier Apothekerinnen hatte dann doch tatsächlich weitreichende Folgen — die Beziehungen bestehen noch heute!
1979 konnten wir dann die eigenen Wohnungen im Neubaugebiet Kleinzschachwitz beziehen, aber das ist eine andere Geschichte!
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