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Unser erstes Auto

22. Oktober 2025


Meinen Führerschein (DDR-Deutsch: Fahrerlaubnis) für alle Klassen – das beinhaltete damals LKW bis 40 Tonnen – habe ich während des Studiums in Karl-Marx-Stadt (vor dem 10.5.1953 und ab 1. Juni 1990: Chemnitz) erworben. Dazu mussten eine Reihe von Fahrstungen auf einem LKW (H3A oder S 4000 mit Anhänger absolviert werden und ganz zum Schluss auch noch eine oder zwei Stunden mit dem Motorrad. Das ganze kostete ca. 350 Mark. Das Durchschnittseinkommen lag damals bei ca. 600 Mark und ich bekam ein monatliches Stipendium von wahrscheinlich 190 Mark, da meine alleinerziehende Mutter sicher keine 1000 Mark verdiente (ich weiß das alles nicht mehr genau).

Zu dieser Zeit tätigte ich auch meine Anmeldung für einen Trabant. Wenn ich mich richtig erinnere, musste ich aber nur ca. 11 Jahre warten, bis das Postkärtchen ins Haus flatterte, dass nun die Auslieferung der „Rennpappe“ in naher Zukunft stattfinden würde. Dann musste man nochmal zu irgendeiner offiziellen Stelle und den genauen Typ, Sonderausstattung und – wenn mich die Erinnerung nicht trügt – zwei (!) Wunschfarben angeben. Das hatte den schlichten Grund, dass nicht sichergestellt werden konnte, dass eine Wunschfarbe dann auch geliefert werden konnte. Ja!

Als Sonderausstattung wählte ich Sicherheitsgurte (diese Schlapperdinger, keine Rollgurte) und dazu gab's dann zwangsweise die elektronische Zündanlage inklusive Momentanverbrauchsanzeige (aka Mäusekino). So war das damals, obwohl Koppelgeschäfte (Beispiel Gemüseladen: Bananen nur in Verbindung mit einem Kohlkopf) in der DDR ganz offiziell verboten waren! Positiver Nebeneffekt: das Fahrzeug hatte eine 12V-Stromversorgung, statt der bis dahin üblichen 6V-Anlage. Bei der Farbe hatten wir unterschiedliche Vorstellungen, mein liebes Weib wollte „delphingrau“ und ich hätte lieber ein Auto in „monsungelb“ gehabt. Also trug ich als erste Farbe „delphingrau“ und als zweite (in der irrigen Hoffnung, dass Grau zum Produktionszeitpunkt vielleicht gerade nicht verfügbar sei) „monsungelb“ ein (Trabant-Farbgebung ⇒ etwas nach unten scrollen). Dafür waren dann 8050 Mark für den Sonderwunsch fällig (statt 7850 Mark für den Standard).

Da ich diese Summe nach fünf Jahren (durchaus gut bezahlter) Arbeit als Schaltkreis-Entwicklungsingenieur im Institut für Mikroelektronik Dresden nicht flüssig hatte, sprang meine Mutter mit einem zinsfreien Kredit ein. Das war insofern kein Problem, als Gebrauchtfahrzeuge in der DDR zum Teil weit über Neupreis einen neuen Besitzer fanden (bedingt durch die lange Wartezeit). So ein Auto war also besser als jede Aktie, denn ein Gewinn beim Wiederverkauf war gesichert!

Mir wurde auch gleich ein neues Anmeldkärtchen zugeschoben, welches ich dankend ablehnte, was auf völliges Unverständnis bei der guten Frau traf. Nun, sie konnte natürlich nicht wissen, dass mein Ausreiseantrag lief und mein nächstes Auto ganz gewiss kein Trabant oder Wartburg sein würde (tatsächlich war es dann ein blauer Volvo 343).

Dann war der große Tag da, ein Freitag! Natürlich bekam ich eine graue „Pappe“. Aber als ich die Fahrertür öffnete, sah ich am vorderen inneren Holm einen gelben Fleck. Scheinbar war im Zuge der Produktion dort ein Lackfehler entstanden, der – vermutlich in Ermangelung der richtigen Farbe – mit dem von mir geliebten „monsungelb“ repariert worden war.

Ich nahm also freudig Papiere und Schlüssel entgegen und pötterte los (etwas Fahrpraxis hatte ich auf Mietwagen gesammelt, welche mein Großvater gelegentlich für Familienausflüge am Wochenende gesponsert hatte). Um am bevorstehenden Wochenende mobil (Reichweite bei vollem 26-Liter-Tank ca. 300 km) zu sein, wollte ich tanken, denn mir bis dahin nicht bewusst, dass das Auto nur mit einem Schluck Treibstoff übergeben wurde. Freitagmittag hatten aber bereits viele Tankstellen entweder schon geschlossen oder kein Zweitakt-Gemisch mehr. Ich fuhr so lange Richtung Zuhause, bis der Trabi irgendwann mit einem letzten Schluckauf stehen blieb. Ich war noch nicht fertig mit meinen Überlegungen, was nun zu tun sei, als hinter mir ein anderer Trabi hielt und ein Mann mit einem Fünf-Liter-Kanister zu mir gelaufen kam. „Neues Auto, was? Mach’ mal die Motorhaube auf …“

Der Tank des Trabant befindet sich im Motorraum auf der Beifahrerseite an der Trennwand zum Fahrgastraum. Um den Füllstand festzustellen, öffnet man den Schraubdeckel und taucht einen kleinen Plastikstab mit Markierungen hinein, an dem dann die Benzinmenge abgelesen werden kann, so ähnlich, wie man das vom Messen des Ölstands kennt. Diesen muss man allerdings nicht messen, denn der Trabant 601 wird mit einem Gemisch von einem Teil Zweitaktöl und 50 Teilen Benzin (min. 92 Oktan) betrieben. Ältere Zweitakter fuhren mit 1:33 (88 Oktan). Das Verbrennen des Gemischs erzeugte auch den typischen Geruch auf DDR-Straßen.
Benzinmischkanne aus Blech auf Rasen

Aber zurück zum Thema: Bezahlen musste ich die fünf Liter Treibstoff (ca. acht Mark) nicht, stattdessen wurde mir auf die Schulter geklopft und allzeit eine unfallfreie Fahrt gewünscht. Kurz vor zu Hause fand ich dann doch noch eine geöffnette Tankstelle, die allerdings auch kein Zweitakt-Gemisch mehr abgeben konnte. Allerdings war der Tankwart so freundlich (nachdem ich meine „Not“ geschildert hatte), mir zehn Liter Benzin und 200 ml Zweitaktöl in einer Blechkanne mit einem „Quirl“ (so ähnlich wie im Bild) mit der Hand zu mischen.


Erste Er-Fahr-ungen

Trabbi-Innenraum von hinten

Als erstes fiel auf, dass beim Trabbi das Lenkrad nicht in der Mitte vor dem Fahrersitz angebracht ist. Nach längerem Suchen fand ich jetzt einen offiziellen Beweis unter Auto Catalog Archive, das Bild stammt aus dem Katalog, dessen Lektüre ich ausdrücklich empfehle! Schmunzeln über die blumige Beschreibung der Vorzüge garantiert …

Allerdings musste ich inzwischen auch lernen, dass das gar nicht so selten ist, wie ich glaubte und gelegentlich sogar als Sicherheitsaspekt (Lenksäule, Frontalunfall) verkauft wird.

Innenraum Fahrersitz Skoda Octavia Quelle: skoda.drive.place

Jendenfalls gibt es durchaus viele Autos, bei denen sich das Lenkrad mittig vorm Fahrer befindet. Und ich bin außerdem der Meinung, dass beim Trabbi die „Unmittigkeit“ auch außergewöhnlich groß ist.

Ansonsten? Natürlich vermisste ich das Autoradio! Deshalb war ich häufig mit auf dem Rücksitz liegenden Cassetten-Recorder und angeschlossener Lautsprecherbox unterwegs. Natürlich flog das Equipment bei scharfem Bremsen durch die Gegend, hat aber glücklicherweise nie Schaden angerichtet.

Zur Technik wäre noch zu erwähnen, dass der Zündunterbrecher der elektronischen Zündung eine kleine Platine war, die in das Gehäuse des – ursprünglich mechanischen – Unterbrechers eingebaut war. Bei WartburgPeter wird das, mit einigen Bildern angereichert, behandelt. Dort handelt es sich zwar nicht um das Sachsenring-Original, der elektrische Anschluss ist jedoch in gleicher Weise ausgeführt und damit das Problem sehr wahrscheinlich identisch: die grazilen Kabelschuhe (normalerweise fand diese Bauform z.B. in Telefonen Anwendung), die außerdem noch aus Aluminium gefertigt waren, lockerten sich durch das permanente Zweitakt-Gerüttel regelmäßig nach ca. 500 Kilometern Fahrt. Das war durch unrunden Motorlauf spürbar. Nun war Hand anzulegen: das Auto wurde rechts an den Straßenrand gefahren und die Lenkung ganz eingeschlagen, um gut an den hinter dem Vorderrad hängenden Unterbrecher gelangen zu können. Dann wurde die griffbereite Kombizange ergriffen, der Deckel des Unterbrechergehäuses abgenommen, alle Kontakte nacheinander abgezogen, etwas zusammen gebogen und wieder aufgesteckt. Schließlich Deckel wieder an Ort und Stelle, einsteigen, den Motor anlassen und sich über den nun wieder sauberen Lauf freuen. Nur wenn's stark regnete, war diese Aktion sehr unangenehm.

Ja, damals musste der Automobilist auch etwas technisches Verständnis und handwerkliche Fähigkeiten haben, denn einfach einen Pannendienst anzurufen war schlichtweg nicht möglich (aus mehrerlei Gründen).

Erster (und letzter) Unfall und seine Folgen

Winter war's und kalt war's, der Wind pfiff um die Ecken und eisig waren die Straßen in Leipzig. Ich war unterwegs, langsam genug, wie ich dachte, sollte aber eines Schlechteren belehrt werden. An einer gleichrangigen Kreuzug kam von rechts ein Moskvitsch, und da er ja Vorfahrt hatte, wollte ich dem Fahrer diese einräumen. Zum Stehenbleiben war allerdings nicht mehr genug Weg vorhanden, also zog ich – in der unsinnigen Annahme, dass der ja losfahren würde – etwas nach rechts, um hinter dem Fahrzeug durchzufahren.

Der von rechts Kommende fuhr aber nicht, außerdem brach der Trabbi aus und vollführte eine viertel Drehung. Man ahnt es: ich krachte mit meinem Auto in die Seite des anderen. Dem tat das nicht viel (glaube ich mich wenigstens zu erinnern), denn die russische (korrekt: sowjetische) Droschke war ja aus richtigen Blech gefertigt (Leergewicht eine Tonne - knapp doppelt so schwer wie der Trabant).

Trabbi-Innenraum von hinten

Der Pappe fetzte es den halben Kotflügel weg und der linke Scheinwerfer war natürlich auch im Eimer. Das gute Weib war bass erstaunt, dass der Trabbi wirklich eine Karosserie aus „Pappe“ hatte (was ja so auch nicht stimmt: Duroplast wars, sah aber wie Pappe aus). Tatsächlich konnte ich den Wagen relativ bald zu einer Werkstatt bringen und bekam einige Wochen (zwei, drei, vier?) später eine Postkarte, dass ich das reparierte Fahrzeug abholen könne (nix Telefon damals).

Also zeitnah mit der Straßenbahn zur Werkstatt, an den Tresen, bezahlt und die Information abgeholt, wo der Gute geparkt ist. Ich komme dorthin und glaube meinen Augen nicht trauen zu können: steht der Trabbi dort ohne Scheinwerfer! Also eigentlich gar nicht verkehrstüchtig. Ich zurück an den tresen und meiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass das wohl ein ganz schlechter Scherz sei.

Durchaus nicht: das Auto sei zu neu, man habe (noch!) keine Ersatzteile. Wenn's nicht so traurig gewesen wäre, hätte ich gelacht, so aber fuhr ich mit Wut im Bauch und schüttelndem Kopf vom Hof. Zu Hause verschloss ich dann das Loch mit Pappe und Leukoplast (sowas wie Tesa gab's zwar, hielt aber nicht).

Nun arbeitete ich zu der Zeit bei Elektro-Horn (inzwischen ist in das Eck-Ladengeschäft eine Bank eingezogen) und schräg gegenüber residierte ein Kfz-Ersatzteilhandel, ebenfalls privat geführt. Man kannte sich demzufolge (also die Chefs). Und so konnte ich schon bald mit einem nagelneuen Scheinwerfer erneut bei der Werkstatt vorsprechen. Hatte ich nun aber gedacht, das Problem aus der Welt geschafft zu haben, lag ich falsch: „Das brauchen wir nicht, damit können wir die Wände pflastern! Wir brauchen den Scheinwerfertopf.“ Ein schlichtes Formblechteil, eben in Topfform, welches in die Karosserie eingebaut den Scheinwerfer aufnehmen konnte – kann's wahr sein? Leider war die Beschaffung dieses Teils dann nicht so einfach wie die des Scheinwerfers, aber durch das Vitamin B (Beziehung) dann doch deutlich schneller als durch die Werkstatt, die einen utopischen Erwartungshorizont verkündet hatte.

Kurz und gut, wenige Wochen später hatte ich Scheinwerfertopf und einen Termin in der Lackiererei und fuhr frühmorgens „einäugig“ dorthin. Nahe des Völkerschlachtdenkmals sah ich eine „weiße Maus“ (Verkehrspolizist, im Volksmund so genannt), der meiner gegenwärtig werdend, die Pfeife an den Mund führte, um mich durch einen schrillen Pfiff von der Weiterfahrt abzuhalten — aber da war ich schon vorbei und wegen der Dunkelheit und dort fehlender oder unzureichender Straßenbeleuchtung wurde offenbar auch das Nummernschild nicht erkannt, es gab jedenfalls diesbezüglich kein Nachspiel.

Das Auto diente uns dann ziemlich brav und war vor allem in Vorbereitung der Ausreise eine große Hilfe durch die zeitlichen Verkürzung der vielen zu erledigenden Wege. Meine Mutter verkaufte den Unfallwagen dann schließlich – wie vorhergesehen mit einigem, wenn auch nicht dem höchstmöglichen, Gewinn – an Leipziger Bekannte.


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