Zwangsbeglückung

… oder warum ich opt-out für die schlechtere Lösung halte

7. Juni 2025, akt. 31. Oktober 2025


Leider haben wir uns bereits daran gewöhnt (oder gewöhnen müssen), dass opt-out der neue Standard wird oder ist:

  • veränderten AGB muss nicht mehr zugestimmt werden, nur im Zweifelsfall widersprochen,
  • auf unseren Windows-Rechnern wird Cortana (im Frühjahr 2023 eingestellt) oder seit neuestem der Microsoft Copilot standardmäßig installiert und möglichst noch aktiviert
  • WhatsApp auf dem Smartphone hat jetzt auch einen AI-Gehilfen, der sich noch nicht einmal ausblenden lässt
  • bei modernen Autos existiert eine Sprachsteuerung, die natürlich immer mithört – sonst könnte sie ja auf „Hey Auto!“ nicht reagieren.

Was ich daran bedenklich finde, ist die Tatsache, dass ich ungefragt (und gelegentlich sogar ohne darüber informiert zu werden!) gewissen „Diensten“ ausgesetzt werde, deren „Segnungen“ ich dann aktiv widersprechen muss, sollte ich sie – und davon gehen die Anbieter wohl selten aus! – nicht nutzen wollen oder eben ihnen noch nicht einmal ausgesetzt sein wollen. Ist das komisch?

Im Falle der AGB erschließt sich mir der (wirtschaftliche) Hintergrund sofort: die Vorgehensweise erspart Verwaltungs- und Prüfungsaufwand in den betreffenden Unternehmen und das hat die gleiche Zielrichtung wie die Tatsache, dass z.B. Kontoauszüge inzwischen auch nur noch digital oder als Papier kostenpflichtig (trotz Kontoführungsgebühr) zur Verfügung gestellt werden. Aber macht das die Dinge besser?

MS Copilot kann man immerhin deinstallieren. Ob es nach dem nächsten Update wieder erscheint, bleibt abzuwarten …

Screenshot-Detail Systemsteuereung Win11

Als ich noch jünger war (Obacht: Opa erzählt vom Krieg!), galt opt-in als der Standard: wenn ich etwas haben wollte, musste ich dies aktiv fordern. Sicher führte dies gelegentlich dazu, dass mir etwas Tolles entging (aber da ich es nicht wusste, war's auch nur halb so schlimm!) 😇

Im Falle aufbewahrungspflichtiger (digitaler) Dokumente, wie eben Kontoauszügen, kommt noch ein zusätzliches Thema ins Spiel, welches ich im Blogbeitrag Revisionssichere Archivierung behandle (vermutlich nur für Unternehmer interessant).

Geschichten aus dem echten Leben (so passiert!)

Das vorlaute Auto

Ein Ehepaar fährt in einem Auto durch eine Stadt und an einem Elektro-Geschäft vorbei, als der Mann zu seiner Frau auf dem Nebensitz sagt: „Schau mal, hätten wir das gewusst, hätten wir das Gerät auch hier, bei XYZ, kaufen können.“ Sie fahren schweigend weiter. Kurze Zeit später meldet sich das Audio-System des Fahrzeugs mit der Mitteilung: „Zu XYZ kann ich keine weiteren Informationen finden.“
Hallo? Geht's noch? Das Auto wurde nicht aufgefordert, Informationen zu suchen, kein „Hey, Auto! Finde Informationen zu XYZ“, sondern unerwünschte (!) „Eigeninitiative“.

Das störrische Smartphone

Jemand telefoniert nach einem kürzlich stattgefundenem Betriebssystem-Update, das Gespräch ist beendet, der Anrufer möchte die Verbindung trennen, „auflegen“ – wie man heute noch sagt, obwohl diese Floskel inzwischen sinnentleert ist und ganz junge Menschen vielleicht gar nicht mehr wissen, woher das kommt. Egal!
Die rote Schaltfläche reagiert nicht, alle anderen – normalerweise aktiven – Bereiche auf dem Display lassen ebenfalls keine Interaktion zu. Ausschalten? Fehlanzeige! Batterie abklemmen? Schon lange nicht mehr möglich: ist fest eingebaut! Was also nun tun, die Verbindung ist noch immer aktiv?
Nachdem – mit einem anderen digitalen Gerät (ja, das muss man schon im Zugriff haben!) – eine kurze Recherche erfolgte, ist klar: das Gerät hat auf Sprachsteuerung umgeschaltet. Ohne Vorwarnung und die Möglichkeit, dies – proaktiv! – zu unterbinden.
Willkommen in der schönen neuen Welt!

Der geneigte Leser möge sich seine Meinung selbst bilden und für sich entscheiden, ob das gute oder eben eher schlechte Entwicklungen sind.

Warum stören mich solche Vorfälle?

Ich fühle mich bevormundet und zu Aktionen gezwungen, die ich nicht gewollt habe. Ich muss Dingen widersprechen, die ich nicht gewünscht habe, von denen ich bis dato nicht wusste, dass es sie gibt. Und das, so sollte man meinen, ist nicht hinnehmbar. Aber wie dagegen vorgehen? Ich habe leider keine Lösung.
Außerdem finde ich die zunehmende Verschiebung von Leistungen (physisch und pekuniär) von den Dienstleistern in Richtung ihrer Kunden unerfreulich.
Generell bin ich – allerdings wohl deutlich abweichend vom Zeitgeist – der festen Überzeugung, dass nicht alles, was (technisch) machbar ist, auch zwingend getan werden sollte (siehe: Künstliche Intelligenz). Und solange sich das nicht ändert, möchte ich nicht ständig widersprechen müssen!
Aber natürlich wird uns allen das auch weiterhin abverlangt werden.


Update 31. Oktober 2025

herumliegende kaputte Smartphones KI-gen. Bild von freepik

Als ich vor ein paar Tagen eine Banking-App auf meinem - zugegeben etwas älterem - Smartphone öffnete, wurde mir mitgeteilt, dass eine Aktualisierung bereit stünde. Gut, dachte ich, dann mal rasch aktualisieren … Pustekuchen! „Diese App ist mit deinem Gerät nicht mehr kompatibel. Wenn Du weitere Informationen benötigst, wende dich bitte an die Entwickler.“ O.K., dachte ich, dann lass' ich das mit der Aktualisierung, ich brauche den Kontozugriff vom Smartphone eher selten.

Nix da! Die Software lässt nur die Aktualisierung zu, Start der vorhandenen wird nicht erlaubt. Wenn man fragen würde, hieße es bestimmt, dass irgendwelche Sicherheits-Standards nicht mehr ausreichen. Darf ich das bitte selbst entscheiden, ob ich das Risiko eingehe? Offensichtlich nicht!

Ich muss nun also einigermaßen rasch ein neues (gebrauchtes) Smartphone anschaffen, dafür Geld ausgeben, mich der Mühe aussetzen, dieses wieder mit allem zu versehen, was ich brauche und die entsprechenden Apps mit diversen Diensten koppeln. Und das alles, obwohl das „veraltete“ Gerät für meine Zwecke völlig ausreicht! Außerdem verursache ich damit Elektroschrott, denn das Teil will keiner mehr haben.

Ganz abschaffen kann ich es aber wegen der inzwischen üblichen Zwei-Faktor-Authentisierung (2FA) auch nicht. Ein Teufelskreis!

Das kann doch nicht sinnvioll sein! Wir sollen die Welt und deren Klima retten und erzwingen dann so etwas? Gut, das sind zweierlei Interessen und andere Menschen, die das eine und das andere wollen, aber trotzdem. Ist das nicht auch eine Spielart geplanter Obsoleszenz? Ich empfinde es so, denn das ist nicht das erste Mal: im Februar vor zwei Jahren (!) musste ich das schon einmal tun, auch wegen einer Banking-App (allerdings eines anderen Kreditinstituts).


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